Die Hamburger Sparkasse, besser bekannt als Haspa, ist als als Platin-Sponsor einer der zentralen Partner der ersten Fintech Week Hamburg. Wir haben unsere Interviewerin Julia Kottkamp zum Treffen mit Tobias Lücke geschickt, der für den digitalen Vertrieb der Bank zuständig ist und die Keynote beim Fintech Career Day hält. Entstanden ist ein Gespräch über schwerfällige Tanker, Fintech-Beiboote und warum Zusammenarbeit und gegenseitiges Lernen die Zukunft der Branche sind.

Fintech Week Hamburg: Herr Lücke, in Ihrem Xing-Profil steht, dass Sie sich für Marathon interessieren, Skifahren und Tennisspieler sind. Außerdem leiten Sie den digitalen Vertrieb bei der Haspa. Aus Ihrer Erfahrung: Kann es sein, dass die Banken die Marathonis sind, die sehr lange in einem Tempo geradeaus gelaufen sind, nun die ganzen hippen Fintechs den Berg hinunter geknallt kommen und alle überholen und es jetzt vor allem darauf ankommt, gemeinsam den Ball im Spiel zu halten?

Sie haben Recht. Das Thema Banken ist mit Sicherheit mit einem Marathonlauf vergleichbar und die Fintechs laufen in der Tat irre schnell. Ich finde aber ein anderes Bild passender: Die Banken sind wie Supertanker, die, wenn sie einmal auf Kurs sind, kraftvoll geradeaus fahren und Kilometer machen. Schnelle Kurskorrekturen sind da schwieriger und brauchen ihre Zeit. Das betraf bislang jede Bank, die ich in meinem Berufsleben von innen gesehen habe. Alle sind von komplexen Abstimmungs- und auch IT-Strukturen gekennzeichnet. Die Fintechs dagegen sind kleine Schnellboote, die neuerdings außen um den Tanker herum rumflitzen, Dinge einfach ausprobieren und dadurch ständig ihre Richtung ändern.

Zwei völlig unterschiedliche Dimensionen also?

Definitiv. Die Fintechs bauen sehr spitze, individuelle Lösungen. Sie sind kleine Versuchsballons, die probieren, Teile unseres großen Leistungsangebots anders zu machen – durchaus auch zu verbessern –, um letztendlich intelligentere Produkte für den Kunden zu entwickeln. Wir – als etablierte Banken – können uns von diesen Lösungen und auch von der Arbeitsweise der jungen Startups unheimlich viel abschauen.

Ist der Supertanker nicht erstmal sehr genervt, wenn da plötzlich so viele kleine Boote um ihn rum rasen?

Tobias Lücke

In seinem Element: Tobias Lücke

Man kann sich jetzt hinstellen und sagen: „Was wollen die hier? Das ist unserer Fahrrinne und richtig laut sind sie auch noch.“ Man kann aber auch sagen: „Mensch, das ist einfach interessant, was die machen.“ Und das ist unsere Art auf die Fintechs zu schauen. Wir schauen uns die Lösungen an und nehmen Anregungen für uns mit. Aber ja, es wurmt mich schon, wenn da ein paar Startups um die Ecke springen und Dinge bauen, die wir gerade selber entwickeln, aber ihre Lösungen einfach schneller
und sehr clever sind. Irgendwie sind wir da Frenemies – Freunde und Feinde. Aber wir sehen die Fintechs eben nicht als große Bedrohung und lassen uns da auch nicht verrückt machen. Man muss sich halt zusammensetzen und fragen: „Ok, was können wir voneinander lernen?“ Somit kooperieren wir mit einigen Fintechs, da es für uns viel zu aufwendig wäre, gewisse Angebote selber zu bauen und weiterzuentwickeln – bei der Haspa ist die Zusammenarbeit mit Finreach und Gini da ein gutes Beispiel. Und teilweise bauen wir Lösungen, wie beispielsweise Yomo, eine Anwendung der Sparkassen, die dem Angebot von N26 ähnelt.

Wann kopieren Sie?

Lernen und gute Dinge übernehmen wird umso wichtiger, je näher wir damit an unser Kerngeschäft heran kommen.

Ist Kopieren nicht sehr unethisch?

Es ist ein wechselseitiges voneinander Abschauen und Lernen. Wir lernen viel von den Fintechs und die Fintechs lernen viel untereinander und von den etablierten Playern. Letztendlich bringt es aber die ganze Branche nach vorne und die Kunden profitieren, weil sich die Angebote verbessern.

Wenn wir noch mal einen Schritt zurückgehen, hängt das Aufkommen der Fintechs vor allem mit dem Megatrend der Digitalisierung zusammen. Was würden Sie sagen, sind die drei massivsten Veränderungen, die die Digitalisierung für das Bankenwesen bedeutet hat?

Fangen wir mal mit dem an, was der Kunde weiterhin braucht: Er will weiterhin bezahlen, sparen, anlegen, vorsorgen und braucht hin und wieder Kredite. Die klassischen Banking-Angebote sind also nach wie vor gefragt. Was sich aber vor allem verändert hat, ist, wie der Kunde diese Angebote erleben und nutzen möchte. Heutzutage ist er von Amazon und Co. und insbesondere von den mobilen Endgeräten eine einfache und intuitive Nutzerführung gewöhnt. Dagegen wirken die klassischen Bankseiten und Online-Angebote oft noch zu schwerfällig und kompliziert. Zweitens werden die Banken durch die großen Technologiekonzerne bedrängt – nehmen wir nur mal Google, Ebay und Facebook. Die greifen immer stärker in unser Kerngeschäft den Zahlungsverkehr ein und bieten eigene Zahlungsmöglichkeiten an. Der Vorreiter ist da sicher Paypal. Bankgeschäfte verlagern sich immer stärker auf Online- und Mobile-Banking-Angebote und werden perspektivisch in Messenger wie zum Beispiel Whatsapp integriert. Und die dritte massive Veränderung ist, dass die Digitalisierung die Möglichkeit mit sich bringt, einzelne kleine Stücke aus der Wertschöpfungskette der Banken durch andere Anbieter darstellen zu lassen – mit häufig besseren Lösungen.

Inwieweit haben die Banken dieses riesen Ding Digitalisierung kommen sehen – oder eben auch nicht?

1999/ 2000 war klar, dass etwas kommt. Online-Banking, Videoberatung und Co., das alles waren Themen, die damals bereits intensiv diskutiert wurden. Aber die Zeit und vor allem auch die Technologien waren damals noch nicht reif.

Wenn ich Ihren Blick richtig lese, wissen Sie aber, dass die Banken auch noch nicht bereit waren, oder?

Sagen wir es so: Die Dinge lagen auf dem Tisch, auch die daraus resultierenden Bedrohungen. Viele haben aber nicht konsequent darauf reagiert. Das Filialgeschäft lief zu der Zeit zudem ausgesprochen gut und die Banken hätten sich ein gutes Stück selbst kannibalisiert, wenn sie die lediglich ihre Onlinekanäle voran getrieben hätten.

Also haben die Banken ihr Baby vor sich selber beschützt, um heute von ganz neuen Playern bedroht zu werden?

Viele Banken haben einfach zu lange versucht, den Status Quo zu erhalten und haben zu spät und eben nicht konsequent auf die Digitalisierung reagiert. Gerade im Bereich Zahlungsverkehr zeigt sich das. Das Beispiel Paypal hatten wir schon. Dieses Geschäft ging bislang an den Banken, Sparkassen und genossenschaftlichen Instituten vorbei. Aber wir arbeiten daran, über Paydirekt und sehr konzentrierte Aktionen den Zahlungsverkehr bei uns zu halten. Das Bankgeschäft, wie wir es kannten, ändert sich fundamental und die Aufgabe ist, den Supertanker jetzt schnell genug zu drehen. Aber in dieser Veränderung liegt auch eine unglaubliche Chance. Wir kennen unsere Kunden und ihre Bedürfnisse sehr gut. Dieses Wissen gilt es noch stärker in echte Mehrwerte für den Kunden umzusetzen, so dass wir ihm helfen, sein Leben besser zu gestalten.

Wie schaffen es die Banken, innovativer zu werden? Reicht es da aus – wie bei der Haspa geschehen – den Krawattenzwang aufzuheben?

Das mit den Krawatten ist natürlich in erster Linie ein starkes Symbol. Es wirkt nicht nur nach außen, indem wir dem Kunden noch mehr auf Augenhöhe begegnen, sondern wirkt auch stark kulturverändernd – mehr, als ich vorher gedacht habe. Das ist ein guter erster Schritt. Bei der Haspa stößt man darüber hinaus immer mehr auf agile Projektmethoden. Außerdem haben wir im letzten Jahr zwei UX-Designer eingestellt, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als zu schauen, wie die Nutzerfreundlichkeit von Angeboten verbessert werden kann. Und letztendlich war meine neu geschaffene Position vor gut drei Jahren auch schon ein großer Schritt in ein neues Zeitalter.

Wenn ich noch mal überspitzen darf, erhoffen Sie sich also Innovation durch das Ablegen von Spießigkeit und das Erlernen von neuen Arbeitsmethoden. Kommt nicht noch als weiteres Lerngebiet hinzu, die Brancheneitelkeit abzulegen und bei aller rationalen Wertschätzung für die Fintechs einzugestehen, dass man nicht mehr der alleinige Held am Markt ist?

Haspa

Tobias Lücke verantwortet den digitalen Vertrieb bei der Haspa

Die Haltung – uns gab es schon immer und es wird uns auch immer geben – hilft nicht weiter. Stattdessen sollten wir auf den Markt gucken und beobachten, was unsere Kunden wirklich wollen. Die Banken waren lange nicht gezwungen, innovativ zu sein – ganz anders als zum Beispiel die Automobilbranche, die immer wieder gezwungen war, sich neu zu erfinden, Innovationen voranzutreiben und in Forschung und Entwicklung zu investieren. Wir müssen schleunigst die neuen Mechanismen des Marktes verstehen und nach vorn schauen. Die Menschen kommen nicht mehr automatisch in die Filialen. Jetzt müssen wir innovativ werden und schnell in die Veränderung kommen. Das ist unsere größte Herausforderung und da sind wir dran.

Was würden Sie sagen, sind die Top-3-Dinge, die die Banken von den Start-ups lernen können?

Erstens das radikale Denken vom Kunden her und auch die Suche nach mutigen Lösungen. Erfolgreiche Start-ups zeichnet eine unglaubliche Exzellenz und Kompromisslosigkeit in der Umsetzung und Qualität der Produkte aus, die sie bauen. Zweitens können wir aus der Art lernen, wie die Start-ups arbeiten – agil, kundenzentriert, schnell und interdisziplinär. Und drittens können wir lernen, uns stärker zu vernetzen und bekannte Grenzen zu durchbrechen. Anders denken. Es gibt so vielfältige Technologien und unterschiedlichste Branchen. Richtig neue Lösungen findet man nur, wenn man sich mit anderen verbindet und über den Tellerrand blickt.

Zum Schluss noch ein Blick nach Hamburg. Warum beteiligen Sie sich als Haspa an der ersten Fintech Week?

Zum einen geht es uns darum, uns zu vernetzen, um neue Partnerschaften und auch talentierte Mitarbeiter zu finden. Wir möchten präsenter werden und mit diskutieren, um neue Lösungen zu finden. Und wir glauben, dass Hamburg als Standort einer tollen Fintech-Community, mit großartigen Start-ups wie figo, Kreditech und Deposit Solutions, gegenüber Städten wie Berlin und Frankfurt noch weiter gestärkt werden kann. Da möchten wir als Haspa unseren Beitrag leisten.

Was ist Ihre Vision für die Haspa in zehn Jahren?

Zehn Jahre ist eine lange Zeit, da kann noch viel passieren. Wir werden dann die beste Multikanalbank sein – wobei das ein noch etwas sperriger und technischer Begriff ist. Wir sind überzeugt, dass der Kunde ein leistungsfähiges digitales, insbesondere mobiles Angebot braucht und gleichzeitig den persönlichen Kontakt zu seinem Ansprechpartner auch in unseren Filialen nutzen möchte. Daher investieren wir sowohl stark in die digitalen Themen als auch weiter in unsere Filialen. Wir wollen die vertrauensvollen und persönlichen Verbindungen mit unseren Kunden in die digitale Welt erweitern – und das in der tollsten Stadt Deutschlands, in Hamburg!

100 Prozent bis zur vollendeten Vision. Wo steht die Haspa heute?

Bei einer Zehn-Jahres-Perspektive würde ich sagen: bei guten 30 Prozent.

Zu guter Letzt: In Ihrem Xing-Profil steht auch, dass Sie die Malerei schätzen. Die Fintechs und die Banken: Was für ein Bild ergibt das in Zukunft? Eine Monet-Blumenwiese oder wird das am Ende doch wilder?

Das wird definitiv wilder und ist keine Monet-Wiese. Ich habe da eher ein expressionistisches Van-Gogh-Bild vor Augen, mit sehr wilden Strichen. Das Bild wird von viel Bewegung gekennzeichnet sein und sehr viele Richtungswechsel haben. Und wir werden sehr kräftige Farben sehen, da sehr viel Emotion im Spiel ist.


Vor seiner Position bei der Haspa war Tobias Lücke unter anderem verantwortlich für das Geschäftsfeld Baufinanzierung der comdirect Bank und sammelte Managementerfahrungen bei unter anderem VW Financial Services und der Unternehmensberatung EY.

Beim Fintech Career Day am Donnerstag, 13. Oktober, hält Tobias Lücke eine Keynote. Hier geht es zur kostenlosen Anmeldung.

Es gibt 1 Kommentare

  1. Fintech & Banking News #45 – about#Fintech sagt: 8. Oktober 2016 bei 11:13

    […] „Banken und Fintechs sind Frenemies“ – Fintech Week (Blog) Sind Banken und Fintechs nun Freunde oder Feinde? Beides gleichzeitig, meint Tobias Lücke von der Haspa im Sponsoren-Interview zur Fintech Week Hamburg. […]

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